Avadhuta Gita

Gesang eines Erleuchteten
zugeschrieben
dem dreigestaltigen Lehrergott Dattatreya



Übersetzt von Wolfgang Schellhorn
in Anlehnung an die englische Übersetzung von
Shri Jaya Chamarajendra Wadiyar Bahadur,
Maharaja von Misore
Einleitung und Kommentar
von Bruno Martin



Verlag Bruno Martin

© 1994 by Bruno Martin und Wolfgang Schellhorn
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung am 17.12.2014
durch Wilhelm Klingholz


 

Inhalt

  1. Die Unterweisung im Wissen I
  2. Die Unterweisung in Wissen II
  3. Die Unterweisung in der der Weisheit
  4. Die Definition der Essenz
  5. Die Darlegung der Einsicht in den Frieden
  6. Das Ziel der Befreiung
  7. Die Lehre des eigenen Atman


     

Kapitel 1

Aum, Shanti, Shanti, Shanti

1.

Nur durch die Gnade Gottes*
geschieht es
dass Menschen
die von Sehnsucht erfüllt sind
den köstlichen Duft der Nicht-Dualität wittern,
die sie von großer Furcht befreien wird.

*
Im Sanskrit-Text Ishvara, Herr des Universums;
die Vorstellung eines persönlichen Gottes als Schöpfer der Welt.
Brahman in Verbindung mit der Erscheinungswelt.

2.

Alles ist erfüllt von dem einen Selbst,
das alles erschaffen hat
und in dem alles existiert.
Wie kann ich mich niederwerfen
vor dem Einen, das gestaltlos ist, erhaben und unerschöpflich?

3.

Das ganze Universum besteht
aus den fünf Elementen.*
Es ist wie das Spiegelbild
der Sonnenstrahlen im Wasser.
Wen also sollte ich verehren?
Ich bin das einzige Wesen ohne Makel.

*
Die fünf Elemente der indischen Kosmologie sind: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther.

 

4.

Alles ist nichts als Selbst.
Es gibt keine Ähnlichkeit, keine Unähnlichkeit
und es gibt nichts dazwischen.
Wie könnte ich sagen, es* existiere
oder es existiere nicht?
Ich bin verzückt durch dieses Wunder.

*
Da vor der Entstehung der Welt nichts existiert, ist das Selbst, aus dem alles ist, weder existent noch nicht-existent.

5.

Die Quintessenz des Vedanta,
des Wissens
oder des besonderen Wissens,
ist immer eine Aussage wie:
"Ich bin das Selbst
gestaltlos und allem innewohnend,
das ist mein Wesen."

6.

Wahrlich, ich bin all das,
strahlend, ungeteilt und
wie ein Raum
von Natur aus rein und fehlerlos.
Das bin ich.
Es gibt keinen Zweifel.

7.

Ich allein bin das,
was unzerstörbar ist
und ohne Grenzen.
Meine Form ist reines Bewusstsein.*
Ich kenne weder Schmerz
noch Vergnügen jedweder Art,
wie andere Wesen.

*
Purusha, das rein spirituelle Prinzip.

8.

Für mich ist geistige Aktivität
weder erhaben noch niedrig,
und körperliche Aktivität
weder schön noch hässlich,
und die Art zu reden
weder angenehm noch unangenehm.
Ich bin der Nektar des Wissens
der alles überschreitet.

9.

Bewusstsein ist tatsächlich
wie der Raum.
Bewusstsein geht in alle Richtungen.
Bewusstsein überschreitet alles.
Bewusstsein ist alles.
In Wirklichkeit ist es nicht das
was man gewöhnlich Bewusstsein nennt.
Es ist Bewusstsein
im absoluten Sinn.

10.

Ich bin einzig.
Ich bin all das.
Ich bin jenseits von Raum.
Ich bin frei von Unterscheidung.
Wie kann ich das Selbst sehen,
ob es nun wahrnehmbar ist
oder jenseits von Wahrnehmung?

11.

Wahrlich, du bist einzig.
Warum erkennst du das nicht?
Du lebst gleichermaßen in allem.
Alle Suche gilt dir.
Du bist unerschöpflich.
In allem, was geschieht,
drückst du dich aus.
Für dich gilt keine Unterscheidung.
O Göttlicher, wie solltest du unterscheiden
zwischen Tag und Nacht.

12.

Begreife das Selbst
als andauernd, ohne Unterbrechung
und allem zugrunde liegend.
Ich bin das, was meditiert
und das, über das man meditiert.
Wie kann man das Unteilbare teilen?

13.

Du wurdest nie geboren,
du warst nie tot.
Du hast nie einen Körper.
Es ist wohl bekannt
dass "das alles Brahman ist",*
Die Schriften führen diese Wahrheit vielfältig aus.

*
Brahman ist das "Absolute Prinzip", das Ur-Eine, aus dessen Traum das Universum entsteht.

14.

Das, was außen ist und innen,
bist du. Du bist erhaben
immer und in jeder Lage.
Warum also lässt du dich täuschen
und warum irrst du
hin und her wie ein Geist?

15.

Es gibt keine Verbindung
noch Trennung für dich oder mich.
Du bist nicht du.
Ich bin nicht ich.
Die Welt ist nicht die Welt.
Tatsächlich ist alles nichts als Selbst.

16.

Du bist nicht das
was die fünf Sinne ausmacht:
Klang, Berührung, Farbe,
Geruch und Geschmack.
Noch haben sie teil
an deiner Natur.
Du bist die höchste Wahrheit.
Warum also sorgst du dich?

17.

Geburt und Tod,
Verstand
Freiheit und Knechtschaft,
gut und böse
sind ohne Bedeutung für dich.
Warum also trauerst du, mein Freund?
Weder du noch ich
haben Namen oder Form.

18.

Warum, Verstand, irrst du umher
wie ein verwirrter Geist?
Begreife das Selbst
als den Zustand der Ausgeglichenheit.
Gib jedes Verlangen auf
und sei glücklich

19.

Wahrlich, du allein
bist die Wirklichkeit,
frei von Veränderung,
unbewegt
das Eine
im Zustand völliger Freiheit.
Anhaftung und Loslösung
betreffen dich nicht.
Warum schaffst du dir Sorgen
mit deinen Begierden?

20.

Alle Schriften lehren
das Selbst sei ohne Eigenschaften,
rein, unerschöpflich, gestaltlos
und ausgeglichen.
Begreife, das bin ich.
Es ist kein Platz für Zweifel,
also zweifle nicht.

21.

Wisse,
was Gestalt annimmt,
ist unwirklich.
Was keine Gestalt annimmt,
ist ohne Unterscheidung.
Wer diese Lehre empfängt
kann nicht wiedergeboren werden.

22.

Die Weisen sagen,
die Wirklichkeit,
die allem zugrunde liegt,
sei Ausgeglichenheit.
Wenn das Verhaftetsein aufgehoben ist,
erscheint kein Denken
mit all seiner Vielfalt.

23.

Wie kann das was nicht Selbst ist,
die Quelle des Friedens sein?
Wie kann das persönliche Selbst
die Quelle des Friedens sein?
Wie kann die Theorie des "Seins"
oder "Nicht-Seins"*.
die Quelle des Friedens sein?
Ist doch die Wahrheit All-Einheit,
also Ausgeglichenheit.
Sie ist das Wesen der Befreiung.

*
Diese Stelle bezieht sich auf die Frage, ob der Mensch nach dem Tode weiterexistiert oder nicht.

24.

Du bist Reinheit
und Ausgeglichenheit
ist die Realität.
Du hast keinen Körper
bist nicht geboren und ohne Tod.
Wie kannst du also meinen
du kennst das Selbst
oder du kennst es nicht?

25.

Mit Wörtern wie "Du bist Das"
erläutern die heiligen Schriften
die wahre Natur des Selbst.
Die Sentenz "Weder dies noch das"
weist darauf hin, dass alles
was aus den fünf Elementen* besteht,
unwirklich ist.

*
Außer dem Selbst ist nichts. Aber das Selbst kann man nicht "wegdenken".

26.

Im Selbst, das du selbst bist,
ist alles erfüllt von Selbst,
und es hat keinen Raum für Dualität.
Der Gedanke an Meditation
und den Meditierenden
ist für dein Bewusstsein ohne Bedeutung.
Wie sollte man über das
was keine Ausnahme kennt,
meditieren können?*

*
Außer dem Selbst ist nichts. Aber das Selbst kann man nicht "wegdenken".

27.

Ich kenne das göttliche Wesen nicht.
Wie könnte ich es erläutern?
Ich kenne das göttliche Wesen nicht.
Wie könnte ich es verehren?
Ich bin selbst das göttliche Wesen,
die höchste Wirklichkeit.
Ich bin Gleichmut in der Essenz,
gleich wie der Raum.

28.

Das persönliche Ich
hat keine Wirklichkeit.
Ausgeglichenheit ist Wirklichkeit.
Sie hat keine Beschreibung.
Sie ist jenseits von Subjekt und Objekt.
Wie könnte sie Gegenstand
ihrer eigenen Betrachtung sein?

29.

Die Wirklichkeit hat
unendlich viele Formen,
aber sie ist keine Wesenheit.
Sie ist im Wesen
die Wahrheit selbst
aber sie ist keine Wesenheit.
Sie hat einzig die Form des Selbst.
Das ist absolute Wirklichkeit.
Niemand kann ihm Schaden zufügen,
noch verursacht es Schaden,
noch kann man es schadlos nennen.*

*
Der ausgeführte Gedanke ist, dass Attribute generell relativ sind und daher das Absolute alle Attribute transzendiert.

30.

Du selbst bist diese Wirklichkeit,
gleichmütig und rein.
Sie ist körperlos.
Nie wurde sie geboren.
Nie war sie tot.
Wie kann es da Illusionen geben
über das Selbst?
Wie kann ich mich nur
täuschen lassen?

31.

Wenn ein Krug zerbricht,
verschmilzt sein Innenraum
mit dem Außenraum.
Man kann die Räume
nicht mehr unterscheiden.
Wenn jemand
ein göttliches Bewusstsein hat
rein wie ich
gibt es für mich keinen Unterschied mehr.

32.

In Wahrheit gibt es keinen Krug
noch Raum in einem Krug
noch ein individuelles Selbst
noch einen individuellen Körper.
Sieh doch Alles, was ist
ist nichts als Brahman.*
Es ist frei von Subjekt und Objekt.

*
Brahman ist das "Absolute Prinzip", das Ur-Eine, aus dessen Traum das Universum entsteht.

33.

So wisse
Immer und überall
in Allem
lebt und weilt Atman.*
Ich bin das alles,
Leere und Nichtleere.
Es gibt keinen Zweifel.

*
das göttliche Selbst

 

34.

Es gibt keine Schriften
noch Welten oder Götter
noch Opferungen
noch Klassen oder Lebensabschnitte
noch Rassen oder Kasten
weder den dunklen
noch den hellen Pfad.*
Einzig Brahman
die höchste Wirklichkeit,
manifestiert sich.

*
Die Upanishaden unterscheiden zwischen dem dunklen und dem hellen Weg, den die Seele nach dem Tode einschlägt.
Der vollendete Yogi geht den hellen Sonnenweg und wird nicht wiedergeboren,
der unvollendete geht den dunklen Mondweg, verweilt einige Zeit in der Welt der Toten und wird dann in einer Situation wiedergeboren,
die für die Fortsetzung seiner Studien förderlich ist.

35.

Wer also diese Wirklichkeit erlangt
der ist frei von Unterscheidung
zwischen dem alles Durchdringenden
und dem Durchdrungenen.
Wie solltest du da wissen,
ob es das eigene Selbst ist
oder das andere?

36.

Die einen wählen die Nicht-Dualität
die anderen die Dualität.
Sie verstehen nicht die Wahrheit
den Zustand der Ausgeglichenheit
jenseits von Dualität
und Nicht-Dualität.

37.

Wirklichkeit ist frei von Farben
und sinnlichen Qualitäten
wie Klang.
Wie können diese Unwissenden
das erklären, was außerhalb ist
von Sprache und Verstand.

38.

Wenn man erkennt,
dass all das
was körperlich ist,
unwirklich ist
erst dann versteht man Brahman,
der wie der Raum ist.
Wenn man diesen Zustand erreicht,
dann gibt es keine Dualität mehr.

39.

Obgleich das Selbst
auch anderen Wesen zugehört,
erscheint es mir doch
als ein und dasselbe.
Es ist wie der Raum.
Auch ist es einzig.
Wie kann es da
Meditation und Meditierende geben?

40.

Was ich auch tue,
was ich auch esse
was ich auch opfere
und was ich verschenke,
nichts davon gehört mir.
Ich bin makellos,
ungeboren und unvergänglich.

41.

Erkenne, dass alles in dieser Welt
ohne Form ist
und unwandelbar.
Erkenne, dass alles in dieser Welt
unschuldig ist im Wesen
und nichts als göttlich.

42.

Du bist Wirklichkeit
ohne Zweifel.
Gibt es etwas
was ich verstehen kann?
Das, was man nicht wissen kann
und das, was offensichtlich ist,
ist das Selbst.
Wie kannst du Es verstehen?

43.

Mein Lieber, was ist da Illusion?*
Der Schatten ist kein Schatten,
also unwirklich.
Wirklichkeit ist eins.
Sie ist all das
alles durchdringend,
raumartig
makellos.

*
Maya

44.

Ich habe weder
Anfang, Mitte und Ende.
Ich bin niemals unfrei.
Ich bin von Natur aus ohne Fehl.
Ich bin rein.
Das ist meine feste Überzeugung.

45.

Auch wenn die Welt
durch das Gewebe
der göttlichen Intelligenz existiert,
erkenne ich nichts anderes
als Brahman.
Alles ist Brahman,
nichts als Brahman.
Wie könnte da Kaste
und Glaube bestehen?

46.

Ich verstehe alles
allumfassend.
Ich bin einzig.
Ich bin ohne Unterscheidung.
Ich brauche keine Hilfe.
Ich bin Leere,
Nicht-Leere,
die fünf Elemente,
ich bin wie der Raum.

47.

Es ist nicht neutral.
Es ist nicht Mann. Es ist nicht Frau.
Es ist nicht Bewusstsein.
Noch ist es eine Vorstellung.
Es hat keinen Frieden,
noch ist es ohne Frieden.
Wie kann man also das Selbst verstehen?

48.

Das reine Selbst erlangt man nicht
durch Übungspraxis
in den sechs Richtungen des Yoga,
noch erlangt man es
durch die Zerstörung des Verstandes.
Noch erlangt man es
durch die Anweisungen eines Lehrers.
Es gründet sich wahrhaftig
auf sich selbst.
Es leuchtet von sich aus.

49.

Der Körper
bestehend aus fünf Elementen,
ist nicht wirklich.
Nichts existiert
was keinen Körper hat.
Nur das reine Selbst -
sonst nichts.
Es ist transzendent.
Wie können da die anderen
drei Zustände bestehen?*

*
Wachzustand, Traum, Schlaf

50.

Ich bin nicht gebunden.
Noch bin ich frei.
Ich bin nichts anderes als Brahman.
Ich bin nicht tätig,
noch empfange ich.
Es gibt nichts, dem ich angehöre,
und nichts, das mir angehört.

51.

So wie man Wasser
mit Wasser gemischt
nicht trennen kann
so sind auch Geist und Materie
für mich nicht verschieden.

52.

Wenn du nicht frei bist
noch je gebunden warst,
wie kannst du dann
das Selbst verstehen,
das formhaft ist
und ohne Form?

53.

Ich weiß, dass dein wahres Wesen
offenbar ist wie der Himmel.
Was scheinbar davon verschieden ist,
ist unwirklich
wie das Spiegelbild von Wasser.*

*
Eine gängige Metapher: das Spiegelbild von Wasser - eine Fata Morgana - kann den Durst nicht löschen.

54.

Ich bin kein Lehrer.
Ich gebe keine Unterweisungen.
Ich muss nichts tun.
Mich bindet keine Pflicht.
Erkenne mich
als den körperlosen Raum selbst.
Ich bin von Natur aus rein.

55.

Du bist die reine Verkörperung
dieser Wirklichkeit.
Dein Bewusstsein
ist nicht dein eigenes
es ist höher als das höchste.
Ohne zu zögern, kannst du sagen:
"Ich bin das höchste Selbst.
Ich bin die höchste Wirklichkeit."

56.

Warum klagst du, mein Herz?
Sei dein eigenes Selbst
aus dir heraus
Trinke, mein Freund
den reinen, unvergleichlichen Nektar
der Unsterblichkeit
und der inneren Ruhe.

57.

Es gibt weder Wissen
noch Nichtwissen
noch Halbwissen.
Wem dieses Wissen sich offenbart
der wird zum Wissen selbst.
Man kann es nicht anzweifeln
und es bleibt nie fruchtlos.

58.

Dies Wissen ist nicht von der Art
menschlicher Logik
noch ist es die Meditation,
die das Yoga vorschreibt.
Es macht keine Annahmen
über Raum und Zeit.
Man lernt es nicht
von einem Lehrer.
Dem Wesen nach ist es
Bewusstsein.
Es ist Wirklichkeit.
Es ist raumartig.
Es ist Spontaneität.
Und es ist fest gegründet.

59.

Ich bin nicht geboren.
Ich bin nicht tot.
Ich habe keine Pflichten.
Mein Handeln ist nicht
gut oder böse.
Rein und ohne Eigenschaften
ist Brahman.
Wie könnte es für mich
Knechtschaft oder Freiheit geben?

60.

Wenn dieses göttliche Wesen
allgegenwärtig ist,
unerschütterlich
unteilbar und vollkommen
dann sehe ich keinen Unterschied
zwischen ihm und mir.
Wie kann man da denken,
es sei in uns oder außerhalb?

61.

Die Welt zeigt sich
als ein ungeteiltes Ganzes,
nahtlos
ohne Brüche oder Zwischenräume.
Wahrlich, Maya
Unwissenheit
ist eine große Täuschung,
eine Phantasie
von Dualität und Nicht-Dualität.

62.

Die Unterscheidung zwischen
dem Formhaften
und dem Formlosen
ist niemals wirklich.
Das, was ist
kennt keine Unterscheidung,
noch Identität.
Es ist das Eine
und es ist göttlich.

63.

Du hast keine Mutter
keinen Vater
keine Verwandten
keine Frau
keinen Sohn
keinen Freund
und keinen Feind.
Wie kann es sein,
dass du dich so sehr sorgst?

64.

Für dich gibt es nicht Tag
noch Nacht
und keinen Verstand.
Dir geht die Sonne nicht auf
noch unter.
Wie könnten die Weisen dem,
was körperlos ist,
einen Körper überstülpen?

65.

Es ist weder teilbar
noch unteilbar,
weder glücklich
noch unglücklich,
weder Teil
noch Ganzes
noch etwas anderes.
So wisse
Das Selbst ist unerschöpflich.

66.

Ich bin weder ein Handelnder
noch ein Genießer.
Für mich gibt es keine Pflicht,
weder früher
noch in Zukunft.
Für mich ist nichts körperlich
noch körperlos.
Wie sollte für mich
mein oder nicht-mein
etwas bedeuten?

67.

Ich kenne kein Verlangen
und kein Leiden
weder körperlich
noch geistig.
Begreife mich
als das Selbst
das allumfassend ist
und wie der Raum.

68.

Geliebter Verstand
Dies alles muss man in Zweifel ziehen.
Was prinzipiell wahr ist
das deute ich dir.
Du bist die Wirklichkeit.
Du bist wie der Raum.

69.

Wo und wie auch immer
ein Yogi
ein spirituell Emporstrebender
sein Leben beschließt,
er löst sich auf
in dieser Wirklichkeit
so wie der Raum in einem Krug
im Außenraum vergeht
wenn er zerbricht.

70.

Ob am heiligen Wasser
oder in der Hütte
eines Kastenlosen
wenn auch das Gedächtnis
ihm schwindet
wenn er seinen Körper verlässt
wird der Weise befreit
begreift er nur
diese Wahrheit.

71.

Pflicht, Wohlstand
Verlangen und Befreiung
menschliche Wesen
und die beweglichen
und unbeweglichen Wesen.
All das erscheint dem Yogi
unwirklich
wie ein Spiegelbild.

72.

Bei allem, was geschieht
in Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft
bin ich nicht der Handelnde
noch der Empfangende.
Das erkenne ich.
Es gibt keinen Zweifel.

73.

Geheiligt durch das Wasser des Gleichmuts
in spiritueller Ekstase
lebt der Avadhuta
glücklich, allein;
nackt, das heißt
ohne Bedürfnisse
ohne Stolz
zieht er umher.
Er erkennt das Selbst
als allumfassend.

74.

Da, wo es die Zustände
des Wachens, Schlafens und Träumens
nicht gibt
und auch den vierten nicht
die Erleuchtung
wo also das Selbst erkannt wird als allumfassend
da ist niemals Pflicht
noch Pflichtlosigkeit.
Wie könnte es dort Freie und Unfreie geben?

75.

Wahrlich, er kennt
keine Vedischen Hymnen.
Wahrlich, er kennt
keine spirituelle Praxis.
Er ist versunken
in absolute Wahrheit
die sich als Ausgeglichenheit zeigt.
Er ist gereinigt
durch Meditation.
Die höchste Wahrheit verkündet er
der Avadhuta.

76.

Es gibt nicht
allumfassende Leere
noch Nicht-Leere
nicht Wirkliches
noch Unwirkliches.
Ich spreche von der Essenz
mit der Kraft meines Wissens
in der Sprache der Philosophie.

Damit endet das erste Kapitel, das da heißt: "Die Unterweisung im Wissen in der Avadhuta Gita, verfasst von Shri Dattatreya."


Kapitel 2

Der Avadhuta lehrt:

1.

Man muss sich nicht damit aufhalten
ob der Guru ein Knabe ist
oder ein Mann
ob er sich ergötzt
an sinnlichen Freuden
oder eigensinnig erscheint
ob er ein Sklave ist
oder Familienvater.
Wer würde denn
ein Juwel zurückweisen
nur weil er es fand
an unreinem Ort?

2.

Man darf seine Lehrer nicht beurteilen
vom Standpunkt
der literarischen Qualität.
Sucht einer wahrhaft nach Wahrheit
so braucht er nur
das Wesentliche zu verstehen.
Auch wenn ein Schiff schlicht ist
und nicht bunt bemalt
bringt es nicht dennoch
die Reisenden
ans andere Ufer?

3.

Ohne stetes Bemühen
erfasst man das Selbst
aus sich heraus.
Es ist Frieden
dem Wesen nach;
es ist identisch
mit den Wesenheiten
den beweglichen
und den unbeweglichen;
und es ist ähnlich
dem Raum.

4.

Wie sollte es anders sein
wenn man die eine Wahrheit versteht
die alles umfasst
bewegt oder unbewegt
die alles durchdringt?
Für mich gibt es
nur eine Wahrheit
die Identität
das heißt Ausgeglichenheit.

5.

Ich allein bin das Höchste.
Ich bin das Materielle
und das Immaterielle
das Heilige
bewege mich nicht hin und her.
Ich bin unbestimmbar
und unerschütterlich.

6.

Das, was keine Teile hat
das bin ich.
Das ist es
was die Götter verehren.
Weil es vollkommen ist
sehe ich keine Aufteilung
in Götter und Ähnliches.

7.

Dass man nicht zweifelt
oder Verdacht schöpft,*
beruht auf Täuschung.
Angesichts dessen,**
was nützt es
ob man ein guter Mensch ist
oder ein schlechter?
Die Dinge entstehen
und vergehen wie Blasen
an der Wasseroberfläche.

*
d. h. in Bezug auf das eigentliche, monistische Wesen der Realität.

**
der Täuschung, des illusionären Charakters der Realität.

8.

Die Erscheinungsformen der Schöpfung*
enden tatsächlich immer
auf dieselbe Art
nämlich in Dingen
weichen, harten, süßen, bitteren.

*
Mahat, das sich ausdehnende Universum, wird hier im Sinne materieller Schöpfung gebraucht.

9.

Kälte, Weichheit
und Salzigkeit
bestehen gemeinsam
im Wasser.
Desgleichen sind für mich
Geist und Materie
untrennbar vereint.

10.

Ohne Namen
feinstofflicher als alles
makellos
jede Vorstellung
Geist, Intellekt und
Sinne transzendierend
bin ich
der Herr des Universums.*

*
Im Sanskrit: jagatpatim, wobei jagat die Erscheinungswelt, das Universum bedeutet, patim Vater, Herr (unser Pater, Vater).

11.

Wenn man die Wahrheit
derart begreift
wie kann dann
ein (persönliches) Ich bestehen?
Wie kann dann
ein (persönliches) Du bestehen?
Wie kann es da
bewegte und unbewegte
Wesen geben?

12.

Diese Wahrheit ist
raumartig.
Diese raumhafte Wirklichkeit
ist spirituell
ohne Fehl
allwissend und vollständig.

13.

Sie ist nicht etwas
was zur Erde gehört.
Wind kann sie nicht forttragen.
Wasser kann sie nicht
verwischen.
Man findet sie nicht
inmitten von Feuer.*

*
Es ist das, was alle Wesen von innen beherrscht (Brihadaranyaka-Upanischade).

14.

Sie durchdringt den Raum.
Aber nichts durchdringt sie.
Sie besteht innen
und außen zugleich.
Grenzenlos ist sie und ungeteilt.

15.

Weil sie subtil ist
und unsichtbar
und ohne Eigenschaften
benötigt der Aspirant
das Göttliche als Basis
für seine Meditation
das ihn Stufe um Stufe
zur Wahrheit führt.*

*
Der Gedanke ist, dass die Meditation nicht mit der Erkenntnis der Wahrheit beginnt.
Es ist vielmehr so, dass die Erkenntnis der Wahrheit sich durch die Meditation entwickelt.
Deshalb ist "Meditation über Wahrheit" ein Widerspruch.

16.

Wenn eine Person
in ihren unentwegten
spirituellen Übungen
keinen Anker für die Meditation hat
verliert sie sich
und es wird unmöglich für sie
die Anhaftung an Verdienste
oder Nicht-Verdienste loszuwerden.

17.

Es gibt nur die eine kostbare Medizin
uns zu befreien
vom Gift der Welt,
das schrecklich ist
illusionär,
und verrückt macht,
das ist der Nektar der Gleichmut.

18.

Dort wo es ohne Form ist
kann man es wahrnehmen
durch innere Erfahrung.
Dort wo es Form hat,
kann man es wahrnehmen
mit dem Auge.
Es heißt,
das innerste Selbst
sei nicht zu beschreiben
als seiend oder nicht-seiend.*

*
Es kann nur durch direkte Einsicht erkannt werden, wie die Katha-Upanischade sagt.

19.

Sein äußerer Aspekt
wird zum Kosmos
seinen inneren Aspekt
kennt man als Wesen.
Es ist zu verstehen
als das Innerste des Inneren
wie die Milch
in der Kokosnuss.

20.

Äußeres Wissen
ist Wissen vom Schein.
Wahres Wissen liegt in der Mitte
und in der Tiefe der Mitte
liegt verborgen das Höchste,
das man wissen kann.
Es ist wie die Milch
in der Kokosnuss.

21.

Der Mond
am Tage des Vollmonds
ist allein
und sehr klar.
So ähnlich sollte man
die Wahrheit verstehen.*
Der Gedanke an Unterscheidung
ist Illusion.

*
Oder wie es in der Brihadaranyaka-Upanischade heißt: "Dieses ist der Geist. Dieses ist der Mond. Es ist Brahman. Es ist Freiheit."

22.

Angesichts dessen
sind unterschiedliche Wahrnehmungen
nicht allgemeingültig.
Wer das Wissen
um die Wahrheit verkündet
wird zum Helden.
Sein Name sei
tausendfach gepriesen

23.

Wenn ein Mensch
ob Simpel oder Gelehrter
durch das Wissen
das ihm ein Meister schenkt
die Wahrheit versteht
dann ist er befreit
vom Ozean der Verstrickung.

24.

Der Mensch erlangt
die höchste Wahrheit
der zielgerichtet ist
und fest entschlossen
allen Wesen Gutes tut
und dessen Wissen
fest gegründet ist.

25.

Wie der Raum
in einem zerbrochenen Krug
verschmilzt mit dem Außenraum
so geht der spirituelle Aspirant
wenn sein Körper zerfällt
auf in der eigenen Essenz
die nichts anderes ist
als das höchste Selbst.

26.

Was die wissen müssen
die ihren Pflichten nachgehen
und was bis zuletzt
zu ihrem Schutze dient
das gilt nicht für die
die eine spirituelle Disziplin ausüben
und schützt sie auch nicht
auf ihrem Weg.*

*
d. h. das spirituelle Leben baut nicht auf Sicherheiten.

27.

Das Ziel derer
die Pflichten haben
kann man gut verstehen.
Jedoch das Ziel der Yogis
ist nicht zu fassen
in Worten.
Dieses Ziel ist voller Verheißung
und jenseits von Sprache.

28.

Für den Yogi
der seinen Weg kennt
gibt es keine Verwirrung
durch Phantasie.
Verwirklichung
fällt ihm von selbst zu.

29.

Wo immer er sein Leben beschließt
ob am heiligen Wasser
oder in der Hütte
eines Kastenlosen
der Yogi wird
nicht wiedergeboren.
Er verschmilzt mit
Brahman, dem Höchsten.

30.

Wer die Wahrheit erkennt
wie sie ist
spontan
ungeboren
unbegreiflich
der kann sich verhalten
wie es ihm gefällt.
Er bleibt ohne Makel.
Ein Bettelmönch oder ein Asket*
ist also nicht gebunden
durch das Gesetz des Handelns.

*
gemeint ist ein Mensch, der innerlich frei von Begierden ist, sich nicht mit der Welt identifiziert.

31.

Das, was ohne Makel ist
das, was nichts ähnlich ist
das, was ohne Form ist
das, was keine Stütze braucht
das, was keinen Körper braucht
das, was keine Nahrung braucht
das, was von nichts abhängt
das, was Illusion unmöglich macht
das, dessen Macht unvergänglich ist
das ist das Selbst
der Herrscher
der Immerwährende.
Ihn realisiert der Yogi.

32.

Wenn er das ewige
höchste Selbst erlangt,
bedarf er keiner Veden,
keiner Disziplin.
keiner Opfer oder Tonsur.
keines Lehrers oder Schülers.
keines Wohlstands.
keiner religiöse Symbole.

33.

Wenn er das ewige
das höchste Selbst erlangt
verehrt er nicht mehr Shiva,
verehrt er nicht mehr Shakti,
verehrt er nicht mehr Manu,
hat keinen Körper,
hat kein Gesicht,
hat keine Glieder und so fort
keine Identität wie ein Gefäß,
das hergestellt
und verziert wird.

34.

Das ist seine Essenz
aus der die ganze Welt
Bewegliches und Unbewegliches
hervorgeht
erhalten und zerstört
wie Schaumblasen auf bewegtem Wasser.
Das ist das ewige Selbst
der Herrscher
das er erlangt.

35.

Er braucht keine Atemkontrolle mehr,
keine Augenmeditation
und keine Yoga-Stellungen.
Nichts muss mehr gelernt
oder verlernt werden
noch bedarf es
der Steuerung der Nerven.*
Er erlangt
das ewige, höchste Selbst.

*
Bezieht sich wohl auf yogische Übungen zur bewussten Kontrolle des vegetativen Nervensystems,
z. B. auch des Herzens, dem im Yoga 101 Nerven zugeordnet werden.
Hier werden Hatha-Yoga und Raja-Yoga zurückgewiesen.

36.

Wenn er das Selbst erlangt,
den unsterblichen Herrscher,
gibt es nicht mehr Vielheit
noch Einheit
noch Zweiheit,
nichts, was gesondert existiert,
keinen Mikrokosmos
und keinen Makrokosmos,
nichts zu vergleichen
und keine Maße.

37.

Ob er der Welt entsagt hat
oder nicht,
ob er Wohlstand angehäuft hat
oder nicht,
ob er seine rituellen Pflichten erfüllt hat
oder nicht,
er erlangt
das ewige, höchste Selbst.

38.

Wenn er das unsterbliche,
höchste Selbst erlangt,
dann gibt es für ihn
weder Verstand noch Intellekt,
weder Körper noch Sinnesorgane,
weder Empfindungen noch Sinneseindrücke
und kein Gefühl der "Ichheit" mehr.
Die Wahrheit ist wie der Raum.

39.

Wenn der Yogi alles erkennt
als Ausdruck des höchsten Selbst,
wenn alle Gebote nicht gelten,
wenn sein Geist frei ist
von dualistischen Ideen,
wenn er von Glück und Unglück
nicht mehr spricht,
dann haben Reinheit und Unreinheit
keine Bedeutung mehr -
auch nicht sexuelle Enthaltsamkeit.

40.

Der Verstand kann sich
diesen Zustand nicht vorstellen,
Sprache kann ihn
nicht beschreiben.
Wie kann dann ein Lehrer
darüber lehren?
Doch hell erstrahlt die Wahrheit
aus dem Lehrer,
der diese Lehre empfangen hat
und eins geworden ist
mit dieser Wahrheit.

Damit endet das zweite Kapitel, das da heißt: "Die Unterweisung im Wissen in der Avadhuta Gita, verfasst von Shri Dattatreya."


Kapitel 3

Der Avadhuta sagt:

1.

Es macht keinen Unterschied
zwischen Laster und Tugend,
zwischen Freude und Leid.
Es ist unirdisch und unweltlich,
allgegenwärtig und allgestaltig
wie der Raum selbst.
Wie soll ich verehren
dies Heilige Wesen?

2.

Lieber Freund,
wie soll ich es verehren,
dies Heilige Wesen,
das Selbst,
das in mir selbst wohnt?
Es hat keine Farben,
und auch kein Weiß.*
Es ist voller Friede
und heilig.
Es ist Ursache und Wirkung
seiner selbst.
Es ist ohne Unterscheidung
und ohne Makel.

*
In den Upanishaden wird strahlendes Weiß als Farbe der Seele angegeben, was hier zurückgewiesen wird.

3.

Ich bin ganz und gar
ohne Ursprung.
Ich bestehe schon immer.
Unverhüllt,
keine Wolke kann
mich verdecken.
Ich bestehe schon immer.
Unbeleuchtet,
kein Licht kann mich
zum Leuchten bringen,
denn ich bestehe schon immer.
Ich bin der Nektar des Wissens,
erfüllt von Harmonie
und wie das Himmelsgewölbe.*

*
Der Gebrauch des Wortes aham am Ende des Sanskrittextes weist darauf hin, dass die Wahrheit Atman ist,
das Selbst, das hier mit dem "Ich", der vollkommenen Individualität gleichgesetzt wird.
Die Kenntnis der Wahrheit ist die Kenntnis des "Ich".

4.

Es ist Verlangen ohne Verlangen.
Wie soll ich es nennen?
Es ist Sehnsucht ohne Sehnsucht.
Wie soll ich es beschreiben?
Es ist immateriell
und ohne Kern.
Was soll ich davon sagen?
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

5.

All das ist die Form
der ungeteilten Wirklichkeit.
Wie soll ich es beschreiben?
Und doch besteht es auch
aus Teilen.
Wie soll ich es erklären? All das ist ewig
und doch vergänglich.
Wie soll ich davon reden?
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

6.

Es ist weder dick
noch dünn.
Es bewegt sich nicht
noch bleibt es unbewegt.
Es hat keinen Anfang,
keine Mitte
und kein Ende.
Es ist weder das Erhabene
noch das Niedrige.
Wahrlich, ich verkünde
die Wahrheit
über die höchste Wirklichkeit.
Sie ist der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

7.

So wisse
Alle Sinnesorgane sind
wie der Himmel, nicht greifbar.
Alle Sinnesobjekte sind
substanzlos wie der Himmel.
Erkenne das eine
makellose Wesen,
das weder gebunden ist
noch frei.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

8.

Ich bin jenseits von Wissen.
Wissen kann mich nicht erreichen.
Ich bin unsichtbar
und kein Objekt
der Wahrnehmung.
Ich habe keine
erkennbare Form.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

9.

Frei von Tätigkeit
bin ich das Feuer,
das alle Tätigkeit verzehrt.
Frei von Kummer
bin ich das Feuer,
das allen Kummer verzehrt.
Ohne Durst
bin ich das Feuer,
das allen Durst verzehrt.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

10.

Selbst ohne Sünde
bin ich das Opferfeuer,
das alle Sünden verbrennt.
Selbst ohne Regeln
bin ich das Opferfeuer,
das alle Regeln verbrennt.
Selbst ohne Fesseln
bin ich das Opferfeuer,
das alle Fesseln verbrennt.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

11.

Selbst unberührt
bin ich nicht ohne Liebe,
mein liebes Kind
Selbst ohne Verstand
bin ich nicht unvernünftig,
mein liebes Kind.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

12.

Ich kenne wohl den Unterschied
zwischen Hoffnungen und Enttäuschungen.
Ich kenne wohl den Unterschied
zwischen Trauer und Freude.
Ich kenne wohl den Unterschied
zwischen Gier und Zurückhaltung.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

13.

Die Schlingen der Weltlichkeit
haben mich nicht gefangen.
Die Vielfalt der Vergnügungen
macht mich nicht glücklich.
Unwissenheit
knechtet mich nicht.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

14.

Der unflätige Gang der Welt
lässt mich unberührt.
Der ständige Strom
von Trübsinn und Angst
lässt mich unberührt.
Doch auch Tugendhaftigkeit
und Pflichterfüllung
lassen mich unberührt.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

15.

Das Schicksal,
das Angst und Pein verfügt,
kommt nicht von mir.
Auch lege ich keinen Wert
auf ein Bewusstsein,
das zermartert ist
von qualvoller Meditation.
Das, was zu Egoismus führt,
kommt nicht von mir.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

16.

Es ist unerschütterlich
und beendet jede Erschütterung.
Es kennt keinen Schlaf
oder Wachzustand.
Es kennt keine günstigen
oder ungünstige Umstände.
Immateriell,
löst es alle Materie auf.
Es kennt keine Bewegung
oder Bewegungslosigkeit.
Es ist der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

17.

Es ist weder das Wissende
noch das Gewusste.
Es kann nicht Gegenstand
logischer Untersuchungen sein.
Es ist jenseits des Horizonts
von Sprache, Bewusstsein und Intellekt.
Wie soll ich dir berichten
von dieser Wirklichkeit?
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

18.

Die höchste Wirklichkeit
ist unparteiisch
und ungeteilt.
Sie hat weder Innen noch Außen.
Sie hat weder erschaffen
noch hat sie Freude am Erschaffen.
Sie ist kein Ding unter Dingen.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

19.

Ich bin die Wirklichkeit,
frei von jeder Leidenschaft.
Ich bin die Wirklichkeit,
frei vom Makel
der Bestimmung.
Ich bin die Wirklichkeit,
frei von Gier und Gram
der Welt.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

20.

Wie kann es
einen vierten Zustand geben,
wenn es die drei nicht gibt?*
Wie kann es
ein Ziel geben,
Wenn es Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft nicht gibt?
Die Höchste Wirklichkeit
ist der Zustand
der höchsten Ruhe.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

*
Der vierte Zustand ist die Transzendenz. Die drei ersten sind Wachen, Schlafen und Träumen.

21.

Unterscheidungen wie
lang oder kurz,
weit oder eng

treffen auf mich nicht zu.
Unterscheidungen wie Winkel oder Kreis
sind ohne Bedeutung für mich.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

22.

Ich habe weder Mutter
noch Vater
noch Nachkommen.
Für mich gibt es weder Geburt
noch Tod
noch ein Bewusstsein.
Diese Höchste Wahrheit
ist fest und unverrückbar.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

23.

Es ist das Klarste der Klarheit,
dem Denken entrückt,
von unendlicher Vielfalt
der Formen.
Es ist abhängig von nichts,
doch alles
hängt davon ab.
Es ist ungeteilt,
doch ist es das Prinzip
der Teilung selbst.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

24.

Wo sind da Brahma
und die vielen Götter?
Wo soll da der Himmel
und dergleichen sein?
Die Höchste Wirklichkeit
ist einzigartig, ungeteilt
und vollkommen.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

25.

Wie kann ich behaupten
von diesem Makellosen,
Es sei nicht dies oder nicht das?
Wie kann ich behaupten
von diesem Makellosen,
Es sei Teil oder Ganzes?
Wie kann ich behaupten
von diesem Makellosen,
Es habe ein Geschlecht,
wenn es das Geschlechtslose
schlechthin ist?
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

26.

Obgleich nicht aktiv,
bin ich immer befasst
mit höchster Tätigkeit.
Obgleich frei von Verlangen,
vertreibe ich alle Langeweile.
Obgleich körperlos,
bin ich immer verzückt.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

27.

Die wunderbare Struktur der Welt
bringt mir keinen Wandel.
Ihre Verderbtheit und Falschheit
hat auf mich keine Wirkung.
Wahrheit und Lüge
verursachen in mir
keine Störung.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

28.

Es kennt keinen Abend
oder Morgen.
Es kennt keinen Abschied.
Es kennt kein inneres Erwachen.
Es kennt weder Stummheit
noch Taubheit.
Es kennt keinen reinen Zustand
noch dessen Zerstörung.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

29.

Es hat keinen Meister
und ist frei von Verwirrung.
Es hat keinen Verstand
und ist frei von Verwirrung.
Es ist durch nichts gebunden
und ist frei von Verwirrung.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

30.

Wie kann ich behaupten,
Es sei ein Haus in der Wildnis.
Wie kann ich behaupten,
all das sei
erwiesenermaßen ungewiss?
Es ist auf immer im Gleichgewicht
und ungestört.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

31.

Es ist leblos und leuchtet doch immer.
Es trägt keine Samen
und blüht doch immerfort.
Es ist jenseits von Freiheit
und Unfreiheit.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

32.

Es ist frei von Entstehung
und leuchtet immerfort.
Es frei von weltlicher Existenz
und leuchtet immerfort.
Es ist frei von Zerstörung
und leuchtet immerfort.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

33.

Du hast weder Name noch Form,
man kann dich nur erwähnen.
Du bist nicht getrennt,
und es gibt nichts,
was außerhalb von dir
existieren kann.
O schamloser Verstand,
was sorgst du dich so?
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

34.

Was klagst du, mein Freund?
Für dich gibt's weder
Gebrechlichkeit noch Tod.
Was klagst du, mein Freund?
Für dich gibt es keine
qualvolle Geburt.
Was klagst du, mein Freund?
In dir ist keine Verderbnis.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

35.

Was klagst du, mein Freund?
Für dich gibt's weder
Schönheit noch Entstellung.
Was klagst du, mein Freund?
Es gibt kein Altern für dich.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

36.

Was klagst du, mein Freund?
Du wirst nicht altern.
Was klagst du, mein Freund?
Dein Verstand und deine Sinne,
das bist nicht du.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

37.

Was klagst du, mein Freund?
Begierden können dir nichts anhaben.
Was klagst du, mein Freund?
Gier kann dich nicht quälen.
Was klagst du, mein Freund?
Verblendung und Torheit
betreffen dich nicht.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

38.

Du brauchst keinen Reichtum.
Warum sehnst du dich danach?
Du besitzt keine Frau.
Wozu also nach Reichtum gieren?
Du hast nichts,
was du dir aneignen willst.
Wozu also nach Reichtum gieren?
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

39.

Die Welt der Illusion
ist nicht die deine und die meine.
Der törichte Verstand nur
wähnt sich getrennt.
Nichts ist getrennt
von dir oder mir.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

40.

Du hast keinen Ehrgeiz,
nicht den geringsten.
Du hast keine Leidenschaft,
nicht die geringste.
Noch lehnst du irgendetwas ab.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

41.

Es gibt keinen Gegenstand,
auf den du meditieren solltest
in deinem Herzen,
noch dich darin versenken.
Es gibt keine innere Meditation,
noch einen äußeren Raum dafür,
noch etwas, das vergeht.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

42.

Alles habe ich dir gesagt,
was den Kern der Wahrheit ausmacht.
Es gibt nichts Großes,
weder Lehrer noch Lehre.
Die Höchste Wahrheit ist
dem Wesen nach spontan.
Ich bin der Nektar des Wissens,
die Harmonie in allem
und wie das Himmelsgewölbe.

43.

Wie kann die Höchste Wirklichkeit
in ihrem Wesen Verzückung sein?
Wie kann die Höchste Wirklichkeit
in ihrem Wesen Wissen sein?
Oder transzendentales Wissen?
Wo doch das höchste "Ich"
Ausdehnung hat
wie der Raum?

44.

Dies ist das eine transzendentale Wissen:
Es brennt nicht wie Feuer,
es bläst nicht wie Wind.
Es ist nicht Wasser noch Erde,
Es verändert sich nicht.
Es ist wie der Raum.

45.

Es ist weder leer noch voll.
Es ist weder rein noch unrein.
Es ist weder schön noch hässlich.
Die Höchste Wirklichkeit ist
nur wie sie selbst.

46.

Verzichte auf Weltlichkeit
Entsagung oder nicht
ist ohne Bedeutung
für die Wahrheit,
die unsterblich ist,
natürlich und gewiss.

Hiermit endet das dritte Kapitel mit dem Titel: Unterweisung in der Weisheit, die von der Wahrheit des Selbst handelt, verfasst von Shri Dattatreya.
 

Kapitel 4

Shri Dattatreya sagt:

1.

Wozu die Gottheit anrufen
oder sich niederwerfen?
Was soll die Verehrung
mit Blumen und Räucherungen?
Wozu ist es wichtig,
zu meditieren
und Hymnen zu murmeln?
Wie kann es sein, dass etwas
sich selbst anbetet,
also die Verehrung
einer äußeren Gottheit?

2.

Es ist nicht nur frei
von Knechtschaft und Befreiung.
Es ist nicht nur frei
von Reinheit und Unreinheit.
Es ist nicht nur frei
on Disziplin und Nicht-Disziplin.
Sondern es ist die Freiheit selbst.
Es ist wie der Raum,
das "Ich".

3.

"Dies ist geboren, also wirklich."
"Dies ist geboren, also unwirklich."
Solche Ideen sind mir fremd.
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

4.

Für mich erscheint nichts
fehlerhaft oder fehlerfrei,
nichts ausgedehnt
oder ohne Ausdehnung,
noch irgendetwas
in sich gebrochen.
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

5.

Das Wissen,
das Nicht-Wissen voraussetzt,
ist nicht in mir geschaffen.
Noch der Zustand des Wissens.
Wie könnte ich also darlegen
die Beziehung von Wissen
zum Nicht-Wissen.
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

6.

Ich bin weder verdienstvoll
noch sündig.
Ich bin weder gebunden
noch frei.
Für mich ist nichts schicklich
oder unschicklich.
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

7.

Überlegen, unterlegen oder durchschnittlich
bedeutet mir nichts.
Ich habe weder Feinde
noch Freunde.
Wie könnte ich reden
von Gut und Böse?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

8.

Weder der Anbetende
noch der Gegenstand seiner Anbetung
sind von Bedeutung für mich.
Weder Lehre noch Ritual
sind von Bedeutung für mich.
Die Wahrheit ist Wissen
ihrem Wesen nach.
Wie könnte ich sie erklären?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

9.

In diesem Zusammenhang ist nichts
was allgegenwärtig wäre
und nichts
was nicht allgegenwärtig wäre,
kein Ort der Ruhe
noch das Fehlen eines solchen.
Die Wahrheit ist etwas,
aber auch nichts.
Wie könnte ich sie erklären?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

10.

Für mich gibt es keinen,
der versteht,
noch etwas zu verstehen,
weder Ursache noch Wirkung.
Von mir kann man nicht sagen,
ich sei denkbar oder undenkbar.
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

11.

Wie könnte ich davon sagen,
es teile oder es werde geteilt,
es wisse oder es werde gewusst,
es sei etwas,
das komme oder gehe?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

12.

Ich habe keinen Körper,
noch bin ich körperlos.
Von mir kann man nicht sagen,
ich habe Intellekt,
Verstand oder Sinne.
Ich habe weder Leidenschaft,
noch bin ich leidenschaftslos.
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

13.

Man kann es nur andeuten,
und es unterscheidet sich nicht
vom Allerhöchsten.
Man kann es nur andeuten,
und doch ist es nicht verborgen.
Wie kann ich von dem reden,
mein Freund,
was dasselbe ist in allen Dingen,
und doch nicht dasselbe?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

14.

Ich habe die Sinne bezwungen,
und doch auch wieder nicht.
Ich habe keine Zurückhaltung,
und keine Disziplin.
Wie kann ich, mein Freund,
von Sieg oder Niederlage sprechen?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

15.

Für mich gilt weder Form
noch Formlosigkeit.
Für mich gilt nicht
Anfang, Mitte und Ende.
Wie könnte ich es
als stark oder schwach bezeichnen,
mein Freund?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

16.

Mir kommt weder Tod
noch Unsterblichkeit zu,
weder Gift noch Nektar
besteht für mich.
Wie könnte ich es auch nur
als rein oder unrein bezeichnen?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

17.

Für mich gibt es
weder Schlaf noch Erwachen,
auch keine Yoga-Übungen
und auch nicht Tag und Nacht.
Wie könnte ich von Ihm reden
in Begriffen wie "Vierter Zustand"*
oder "Nicht-Vierter Zustand"?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

*
Der überbewusste Zustand der Erleuchtung, turiya, philosophisch gleichgesetzt mit Brahman.

 

18.

Wisse, ich bin frei
von Allem und Nichts,
von Illusion und Nicht-Illusion.
Wie könnte ich es ausdrücken
im Morgen- und Abendritual?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

19.

Verstehe, dass ich erfüllt bin
vom höchsten Zustand der Versunkenheit,
dass es unmöglich ist,
mich zu definieren
oder nicht zu definieren.
Wie könnte ich von Ihm reden als etwas,
das vereint oder teilt?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

20.

Ich bin weder unwissend noch gelehrt.
Für mich gibt es
weder Reden noch Schweigen.
Wie könnte ich davon reden,
als sei es logisch
oder unlogisch?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

21.

Für mich gibt es
weder Vater noch Mutter,
weder Familie noch Kaste,
weder Geburt noch Tod.
Wie könnte ich davon reden,
als sei es gebunden
oder ungebunden?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

22.

Für mich gibt es
weder Aufgang noch Untergang,
weder Licht noch Dunkelheit.
Wie könnte ich es ausdrücken
im Morgen- und Abendritual?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

23.

So wisse und zweifle nicht
Ich bin unerschütterlich,
immerwährend und ohne Fehl.
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

24.

Die stark sind im Geist,
scheuen jede religiöse Versenkung
und schwören ab
allen heiligen und unheiligen Handlungen.
Sie trinken den Nektar der Entsagung.
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.

25.

Wo logisches Verstehen
nicht mehr hilft,
da hilft auch keine Redekunst.
Der große Avadhuta,
schwimmend im Meer der Glückseligkeit
und erfüllt von Inspiration,
verkündet die Wahrheit.

Damit endet das vierte Kapitel mit dem Titel: "Die Definition der Essenz" in der "Unterweisung in der Weisheit des eigenen Selbst" der Avadhuta Gita,
verfasst von Shri Dattatreya, gerichtet an Swami Kartika.
 

Kapitel 5

Also sprach Shri Dattatreya:

1.

Man nennt es "AUM",
und es ist wie die Leere des Raumes.
Das jenseits und das Nachher,*
Materie oder Gedanken
haben hier keine Bedeutung.
Das Manifeste und das Nicht-Manifeste
sind vermeidbare Begriffe.
Wie kann es sein,
dass man es ausdrücken kann
mit einer Silbe?

*
Gemeint ist, was nach diesem Leben kommt, die nächste Inkarnation.

2.

Die Schriften verkünden:
"Das bist Du".
Du bist das in dir selbst.
Du bist frei von allen
einschränkenden Bedingungen
und das Prinzip der Identität
in allem.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

3.

Es ist ein und dieselbe Identität;
nichts steht über ihr,
noch gibt es irgendetwas,
das innerhalb von ihr wäre
oder außerhalb,
noch kann man sie
mit einer Zahl bezeichnen.
Es ist ein und dieselbe Identität.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

4.

Es lässt sich nicht erörtern
in begrifflichen Konzepten
wie Ursache und Wirkung
oder in grammatischen Konstruktionen.
Es ist ein und dieselbe Identität.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

5.

Hier geht es nicht um Meditation,
die gelehrt wird oder nicht,
die stattfindet an diesem oder jenem Ort
oder zur einen oder anderen Zeit.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

6.

Es ist nicht der Raum in einem Krug
noch der Krug selbst.
Es ist nicht der Körper,
der die Seele verkörpert,
noch nicht einmal die Seele selbst.
Es ist nicht Ursache
noch Wirkung.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

7.

Darinnen ist alles
im ewigen Zustand
der Freiheit.
Es gibt sich nicht her
für kurze oder lange Diskussionen.
Geometrische Begriffe
wie kreisförmig oder dreieckig
sind nicht anwendbar darauf.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

8.

Leer oder voll
ist ohne Bedeutung hier,
desgleichen rein und unrein,
alles und nichts.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

9.

Die Erörterung, ob man
das Äußere, das Innere
und das Dazwischen,
ob man Feind oder Freund
unterscheiden oder
nicht unterscheiden soll,
kann man ganz unterlassen.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

10.

Hier spielt es keine Rolle,
wer Schüler ist oder kein Schüler,
was beweglich ist
oder nicht beweglich.
Hier ist der Zustand der Befreiung
umfassend und immer während.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

11.

Ist es nicht frei von Form
oder Formlosigkeit?
Ist es nicht frei von Teilung
und Ungeteiltheit?
Ist es nicht frei von Entwicklung
oder Verwicklung?
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

12.

Hier gibt es keine Bindung
durch die Fesseln der Gunas.*
Wenn das irdische Leben
erloschen ist,
was soll dann die Frage
nach Täter und Tat?
Es ist ein und dieselbe Identität,
einfach und rein.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

*
Die drei Gunas sind: sattva - Harmonie, rajas - Leidenschaft, tamas - Unbeweglichkeit, Schwere.
Sie sind in der indischen Philosophie die drei Grundeigenschaften oder Grundkräfte von Prakriti, was manchmal mit dem Begriff "Schöpfung" übersetzt wird.

13.

Existenz oder Nicht-Existenz,
Leidenschaft oder Leidenschaftslosigkeit
bedeuten hier nichts.
Dies ist wahrhaftig
die höchste Wahrheit,
die man vermitteln kann;
sie gleicht der Befreiung selbst.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

14.

Hier ist die Wahrheit,
und zwar die ewige Wahrheit.
Sie kennt weder Verknüpfung
noch Trennung.
Es ist ein und dieselbe Identität
und steht über allem.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

15.

Es hat keinen besonderen Platz.
Es wohnt in keinem Haus,
noch hat es Hausrat.
Es ist ganz es selbst.
Es ist weder verwandt,
noch ist es fremd.
Man kann es weder lehren,
noch kann man es nicht lehren.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

16.

Wenn man sagt,
es habe eine Gestalt oder keine Gestalt,
spricht man unwahr.
Wenn man sagt,
es verfolge einen Zweck oder keinen Zweck,
spricht man unwahr.
Die Wahrheit ist, dass es
die alleinige Wirklichkeit ist.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

17.

Dies ist das absolute Selbst
von Allem.
Dies ist das immer währende Selbst
von Allem.
Dies ist das einzig unwandelbare Selbst
von Allem.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

18.

Es ist Vernunft, die außerhalb
jeder Vernunft liegt.
Es ist jenseits von Wissen.
Und somit ist es eine Idee,
die außerhalb jeder Vorstellung ist.
Es ist jenseits von Wissen.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

19.

Es ist weder der Zustand der Freiheit
noch der Knechtschaft.
Es ist nicht der Zustand der
Sünde noch der Rechtschaffenheit.
Es ist nicht der Zustand der Fülle
noch des Mangels.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

20.

Wenn doch die Identität
frei ist von Unterscheidung
von Hautfarbe,
von Ursache und Wirkung,
von gleich und ungleich,
was klagst du dann,
wenn alles Eins ist?

21.

Im Namen dieses Geistes,
der ganz ist und ohne Teile,
im Namen dieses Geistes,
der aus sich selbst heraus ist
und alles überdauert,
im Namen dieses Geistes,
der außerhalb der Reichweite
von zweibeinigen und vierbeinigen
Wesen liegt,
was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

22.

Es steht über Allem
und doch durchdringt es alles,
das ganze Kontinuum.
Unberührt und unbewegt
bewegt es sich in Allem.
Das, was allem innewohnt,
kennt weder Morgengrauen
noch Einbruch der Nacht.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

23.

Knechtschaft und Freiheit
können nie zusammenkommen.
Disziplin und Disziplinlosigkeit
können nie zusammenkommen.
Vernunft und Unvernunft
können nie zusammenkommen.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

24.

Ob die Zeiten günstig sind
oder ungünstig,
ist ohne Bedeutung für es.
Unvollständige Erleuchtung
ist ohne Bedeutung für es.
Doch reine Wahrheit steht nie
im Widerspruch dazu.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

25.

Man kann nicht sagen,
es sei verkörpert
oder ohne Körper
oder es sei jenseits von
Traum oder Tiefschlaf.
Es ist das Höchste,
und unmöglich ist,
es mit Namen zu bestimmen.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

26.

Es ist unberührt
und raumartig ausgedehnt,
obgleich verschieden von Allem,
ist es doch mit Allem identisch.
Gleichermaßen durchdringt es
das Wesentliche, das Unwesentliche
und das Hässliche.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

27.

In ihm sind überwunden
Pflicht, Nicht-Pflicht und Loslösung.
In ihm sind überwunden
Sein, Nicht-Sein und Nicht-Anhaftung.
In ihm sind überwunden
Verlangen, Nicht-Verlangen
und Nicht-Anhaftung.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

28.

Es ist ein und dieselbe Identität,
unberührt von Unterschieden
wie Glück oder Elend,
Trauer oder Freude,
Meister und Schüler.
Es ist die höchste Wahrheit.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

29.

Es ist nicht Wachstum,
Essenz oder Nicht-Essenz.
Deshalb hat es keine Ähnlichkeit
oder Unähnlichkeit mit beweglichen
oder unbeweglichen Dingen.
Deshalb ist es nicht Gegenstand
von Forschung oder Nicht-Forschung.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

30.

Darin liegt die Quintessenz
aller Wahrheit.
Dennoch kann man nicht sagen,
Es habe eine bestimmte, eigene Natur.
Es hat kein Objekt
außerhalb seiner selbst,
das es erfassen könnte.
Was klagst du also,
wenn alles Eins ist?

31.

Die Schriften verkünden immer wieder,
dass die äußere Welt ist
wie ein Trugbild.
Wenn die Wahrheit ein und dieselbe
kontinuierliche Wirklichkeit ist,
was klagst du dann,
wenn doch alles Eins ist?

32.

Wo es für den logischen Verstand
nichts zu verstehen gibt,
da kann man auch mit Rhetorik
nichts beweisen.
Versunken in ekstatischer Einheit
und voller Inspiration verkündet der Avadhuta
die höchste Wahrheit.

Damit endet das fünfte Kapitel mit dem Titel: "Die Darlegung der Einsicht in den Frieden" in der Lehrrede über die Erleuchtung des Selbst, in der Avadhuta Gita, verfasst von Shri Dattatreya, gerichtet an Swami Kartika.
 

Kapitel 6

Also sprach Shri Dattatreya:

1.

Die heiligen Schriften
verkünden verschiedentlich,
dass wir, die individuellen Selbste,
und die materielle Welt
wie ein Spiegelbild sind.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer,
alles erfüllend,
das All und das Alles,
womit kann man sie dann vergleichen
und welcher Vergleich
wäre angemessen?

2.

Es ist das Höchste,
das den Unterschied überschreitet
zwischen Teil und Ganzem
und zwischen dem, was man tun kann,
und dem, was man nicht tun soll.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
was hat es dann für einen Sinn,
ihr Gottesdienste
und heilige Riten zu widmen?

3.

Nur das Bewusstsein ist in der Lage,
alles zu durchdringen.
Für das Höchste gibt es nichts,
was eng ist oder weit.
Nur das Bewusstsein
kann all dies Göttliche erfassen.
Wie könnte man es erreichen
mit der Sprache oder dem Verstand?

4.

Es macht keinen Unterschied
zwischen Tag und Nacht.
Es kennt weder Sonnenaufgang
noch -Untergang.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
was bedeutet es dann,
ob die Sonne scheint
oder der Mond?

5.

Es überschreitet Wünsche
oder Wunschlosigkeit,
Aktivität oder Inaktivität.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
was soll dann die Unterscheidung
zwischen Innerem und Äußerem?

6.

Es macht keinen Unterschied
zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem,
zwischen Leere oder Fülle.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
wie soll es da unterscheiden,
was an erster oder
letzter Stelle steht?

7.

Wenn es nicht unterscheidet
zwischen Einheit und Getrenntheit,
zwischen dem Wissenden
und dem Wissen,
wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewigen Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
wozu soll ihm dann der dritte
oder der vierte Zustand gut sein?

8.

Wahrheit ist nicht das,
was unverstanden bleibt,
wenn es genannt wird,
oder was man weiß
und doch nicht weiß.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
was soll dann das Objekt,
die Sinne, Intellekt
und Bewusstsein bedeuten?

9.

Wenn Raum und Luft
unwirklich sind,
wenn Feuer und Erde
unwirklich sind,
wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
was ist dann mit den
Regen bringenden Wolken
und dem herabstürzenden Wasser?

10.

Wenn man die Welten
der Vorstellung ablehnt,
wenn man die Götter
als Phantasiegebilde abtut,
wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
was soll dann die Bedeutung sein
von Gut oder Böse,
rationalem Denken oder Gebet?

11.

Wenn es keinen Unterschied macht
zwischen Leben oder Tod,
zwischen Getanem und Ungetanem,
wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
was bedeuten dann Begriffe wie
Bewegung oder Stillstand?

12.

Die Unterscheidung zwischen
Geist und Materie hilft hier nicht weiter,
noch die von Ursache und Wirkung.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
wie kann man sie dann als „persönlich”
oder "unpersönlich" beschreiben?

13.

Von Alter, Jugend und Kindheit
sagt man, letztere sei
unberührt von Kummer,
die zweite, die Jugend,
sorge sich nicht um Tugend.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
wozu dann die Aufteilung in
Greisentum, Jugend und Kindheit?

14.

Das höchste Wesen überschreitet
alle Einteilungen wie Lebensalter
oder Gesellschaftsklassen,
Tat und Täter.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
was kann man dann verlieren und was gewinnen?

15.

Die Unterscheidung von Verzehrtem
und nicht Verzehrtem,
von Geschaffenem
und nicht Geschaffenem
ist ohne Bedeutung für es.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
dann gibt es nichts Bleibendes
und nichts, was zerstört wird.

16.

Die Unterscheidung von
Mann oder kein Mann,
Frau oder keine Frau
ist ohne Bedeutung für es.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
wie soll man dann unterscheiden
zwischen Vergnügen und Missvergnügen?

17.

Wenn Bewusstseinszustände wie
Ekstase oder Depression,
Zweifel oder Verzweiflung
für es ohne Bedeutung sind,
wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
was soll dann "ich" oder "mein" heißen?

18.

Die Unterscheidung von
Verdienst und Verschulden
löst sich in ihm auf;
desgleichen die von Freiheit
und Knechtschaft.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
dann können auch Schmerz
und Schmerzlosigkeit
keine Bedeutung haben.

19.

Die Unterscheidung zwischen
dem Opfernden und dem Opfer
trifft für es nicht zu,
noch die zwischen der Opfergabe
und dem Opferfeuer.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
was soll dann der Lohn
der heiligen Riten sein?

20.

Es ist frei von der Trennung
zwischen Gram und Freude,
zwischen Stolz und Demut.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
was soll man dann unterscheiden
zwischen Leidenschaft
und Gelassenheit?

21.

Die Trennung von
Gleichgültigkeit und Leidenschaft,
Gewinn und Verlust
trifft für es nicht zu.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
was sollen dann Beurteilungen
wie "falsch" oder "richtig" bedeuten?

22.

Wahrlich, du und ich,
wir existieren nie getrennt.
Die Frage nach der Familie
oder der Kaste
ist sinnlos.
Ich allein bin das Heilige
und das Höchste.
Wen kann ich denn ehren,
wenn ich meine Herkunft nenne?

23.

So etwas wie Meister und Schüler
und Unterweisung
gibt es nicht.
Ich bin die absolute,
erhabene Wahrheit.
Vor wem sollte ich
mich niederwerfen?

24.

Die eingebildete Unterscheidung
von verschiedenen Körpern
oder von verschiedenen Ebenen*
ist unwichtig für es.
Ich allein bin das Heilige,
das höchste Ziel.
Wen kann ich denn ehren,
wenn ich meine Herkunft nenne?

*
z.B. zwischen Erde und Himmel, verschiedenen Bewusstseinsstufen usw.

 

25.

Die Unterscheidung
von Sünde oder Unschuld,
Gelassenheit und Reinheit
trifft auf es nicht zu.
Ich allein bin das Heilige,
das höchste Ziel.
Wen kann ich denn ehren,
wenn ich meine Herkunft nenne?

26.

Die Frage der Körperlichkeit,
der Wahrheit oder der Unwahrheit
ist ohne Bedeutung für es.
Ich allein bin das Heilige,
das höchste Ziel.
Wen kann ich denn ehren,
wenn ich meine Herkunft nenne?

27.

Wo es für den logischen Verstand
nichts zu verstehen gibt,
da kann man auch mit Rhetorik
nichts beweisen.
Versunken in ekstatischer Einheit
und voller Inspiration
verkündet der Avadhuta
die höchste Wahrheit.

Damit endet das sechste Kapitel mit dem Titel: "Das Ziel der Befreiung" in der Lehrrede über die Erleuchtung des Selbst in der Avadhuta Gita
von Shri Dattatreya, gerichtet an Shri Kartika Swami.

 

Kapitel 7

Also sprach Dattatreya:

1.

Da steht er nackt
in einer leeren Hütte,
rein und frei von Anfechtung,
vertieft in das Wesentliche.
Sein Lendenschurz aus Lumpen,
von der Straße aufgelesen,
geht er den Weg
jenseits von Gut und Böse.

2.

Seine Aufmerksamkeit zielt nicht
auf ein Objekt,
noch wendet sie sich ab davon.
Geschickt vermeidet er
konventionelles Verhalten
oder Verstöße dagegen.
Er ist geheiligt
durch wahrhaft makellose
Selbstgenügsamkeit.
Wer wollte diesen genügsamen
Weisen in Frage stellen?

3.

Er ist frei von
den Fesseln des Verlangens.
Obgleich befreit von rituellen Pflichten
und Reinheitsgeboten,
lebt er vorbildlich.
Ohne alles, ist er ganz ruhig.
Die seine Wahrheit kennen,
werden rein
und frei von wertlosen Gedanken.

4.

Was ficht es ihn an,
ob er im Körper ist oder nicht?
Was soll der Streit
um Leidenschaft oder Freiheit davon?
Er ist ohne Fehl, unbewegt
und wie der Raum.
Er verkörpert die Wahrheit
in seinem Wesen.

5.

Wie erkennt man diese Wirklichkeit?
Wo bleibt da das Gestalthafte
und das Gestaltlose?
Sie ist ausgedehnt wie der Raum
und kennt keine Objekte.

6.

Sie ist Hamsa, der himmlische Schwan,*
der ewige, makellose Schwan
der Wahrheit.
Was können Teilung
oder Vervielfältigung
ihm anhaben?
Sie ist jenseits von
Freiheit oder Bindung.

*
Hamsa, der große Schwan, symbolisiert traditionell die geläuterte Seele.
Außerdem weist "Hamsa" durch Inversion auf das Mantra soham: "Ich bin ER" hin.

7.

Alles ist immer eine
ungeteilte Wirklichkeit.
Wo bleibt also das Ichgefühl,
das sich davon abhebt
oder auch nicht?
Derart ist die höchste,
ewige Wahrheit.
Was soll also die Frage
nach dem Wesentlichen
oder Unwesentlichen?

8.

Alles ist immer die eine,
reine Wirklichkeit.
Wie der Raum ist sie immer rein.
Was bedeutet dann
Anhaftung oder Nicht-Anhaftung?
Wofür spielt es eine Rolle,
ob die Wahrheit
ein Spielfeld oder keines hat?

9.

Der Yogi ist frei von
Bindung oder Loslösung.
Er ist der Bhogi, der Genießer.
Er nimmt alles an,
ob erfreulich oder unerfreulich.
Die innere Glückseligkeit
seines Bewusstseins
breitet sich ruhig und beständig aus.

10.

Wer sich ständig damit aufhält,
was rechte Lehre ist,
und was falsche Lehre,
kann sich niemals befreien
aus dem Zwist zwischen
Dualität und Nicht-Dualität.
Wie kann dieser Yogi
frei von solchen Mängeln sein?
Nur der reine, sündenfreie,
in Schönheit ausgeglichene Bhoghi
ist der Genießer des Lebens.

11.

Er bricht die Trennung auf
zwischen Zerbrochenem
und Unversehrtem.
Seine Anbindung liegt jenseits
von Freiheit und Bindung.
Woraus entsteht denn
die Unterscheidung
zwischen Wesentlichem
und Unwesentlichem?
Offen wie der Raum
gleicht die Wirklichkeit alles aus.

12.

Er unterscheidet sich von allem.
Er ist frei von allen intellektuellen Prinzipien.
Geburt und Tod treffen ihn nicht mehr.
Meditation oder Nicht-Meditation
braucht er nicht mehr.

13.

Die wahrnehmbare Welt ist eine Illusion,
eine Fata Morgana in der Wüste.
Das göttliche Wesen ist ungeteilt,
ohne Form und genügt sich selbst.

14.

Wir haben kein Verlangen, was es auch sei,
ob Rechtschaffenheit oder Befreiung.
Wieso streiten sich die Gelehrten
über Weltlichkeit und Entsagung?

15.

Wo es für den logischen Verstand
nichts zu verstehen gibt,
da kann man auch mit Rhetorik nichts beweisen.
Versunken in ekstatischer Einheit
und voller Inspiration
verkündet der Avadhuta,
der höchste Weise,
laut die höchste Wahrheit.


 

Damit endet das siebte Kapitel mit dem Titel: "Die Lehre des eigenen Atman" in der Lehrrede über die Erleuchtung des Selbst, in der Avadhuta Gita,
verfasst von Shri Dattatreya, gerichtet an Sri Kartika Swami.

 

 


 







 



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